Die Basilika St. Jakob – Ein Aufstieg, der beeindruckt
16:30 Uhr am Pfarrplatz: Einige Kolleginnen, Kollegen, Familienangehörige und Freunde von C.A.R.M.E.N. treffen sich unter dem Kirchturm der Basilika St. Jakob in Straubing. Begrüßt wird diese Gruppe durch den ehrenamtlichen Turmführer Gerhard Vandieken, der alle erforderlichen Schlüssel parat hat, um den Straubingern „aufs Dach zu steigen“. Etwas später folgt eine weitere C.A.R.M.E.N.-Gruppe unter Leitung von Dr. Dorit-Maria Krenn.
Zuvor muss noch eine entscheidende Frage geklärt werden: „Sind Sie alle gesund? Eine Bergung durch Rettungskräfte ist nur in der unteren Hälfte des Turms vorgesehen. Weiter oben, nach der Balustrade, wird es problematisch.“ Tapferes Kopfnicken im Kreis bestätigt, dass man sich der Risiken bewusst ist und die Herausforderung der 363 Stufen annimmt.
Eintritt in eine andere Zeit
Der Seiteneingang wird geöffnet, der Trubel der Außenwelt weicht angenehmer Ruhe. Vorbei an einer andächtigen Kirchenbesucherin geht es zur Turmtür, die Vandieken aufsperrt. Ausgetretene Steintreppen, einfache Holzstiegen und enge Wendeltreppen führen die Gruppe hoch hinaus, unterbrochen durch einige Plattformen.
Ein erster kurzer Halt verweist auf noch immer sichtbare Spuren eines Brandes von 1780. „Wie es auch daheim ist, wenn man seine Garage selbst baut, man wird nie fertig und unterbricht auch immer wieder seine Arbeit, weil andere Reparaturen anfallen“, erklärt Vandieken. Die durchaus soliden Reparaturen und Restaurationen, die aus Backstein, Holz und Putz erfolgten, sind eben echte Zeugen ihrer Zeit, auch wenn sie Ecken, Kanten und Spalten aufweisen. So ist der Turm „nicht ganz dicht“ und je nach Wetterlage kann schon mal Regen ins Innere gelangen. Aber da, genau wie der Regen, der Wind seinen Weg findet, sorgt diese Belüftung dafür, dass letztendlich alles wieder gut abtrocknet.
Gigantisches Geläut aus zehn Glocken
Mehrere kreisrunde Löcher in den Holzdecken werden entdeckt, die ursprünglichen Führungen der Seilzüge für die insgesamt zehn unterschiedlich großen Kirchenglocken. Bis hoch zu den Glocken findet man die Aussparungen immer wieder. Zwischendurch baumeln auch die Reste der Seile noch herab. Früher wurden sie von den Ministranten benutzt, die die Glocken je nach Anlass und Gewichtsklasse einzeln oder als Team in Schwung versetzten.
Heute wird dieses größte Geläut im Bistum Regensburg elektronisch gesteuert. Das ist eine gewaltige Erleichterung, die sich erahnen lässt als drei Männer sich daran machen, die mit sechs Tonnen Gewicht größte „Bistumsglocke“ so weit in Schwingung zu versetzen, dass der träge Klöppel auf die Glockenwand trifft. Dieser Moment geht allen Besuchern durch Mark und Bein, lässt Trommelfelle und Kirchturmwand vibrieren und noch eine ganze Weile surrt das beeindruckende Werk der Metallgießerzunft vor sich hin.
Turmuhren mit Präzision
Deutlich leiser, aber sehr präzise arbeiten auch die Turmuhren, die ebenfalls elektronisch gesteuert werden. Auch hier ist Mechanik verbaut, deren simple Technik so genial wie haltbar ist. Vier Zahnräder steuern über eine „Welle in der Welle“ die Stunden- und Minutenzeiger an den insgesamt vier Ziffernblättern, wie ein Maschinenbauingenieur mit geschultem Blick der Gruppe im Detail erklärt (nachdem kurzerhand eine Holzabdeckung beiseite gehoben wird, dem Ingenieur ist ja nichts zu schwer). Was heute über eine graue, kleine Kiste mit schmalem Leuchtdisplay via Funkimpulsen vorgegeben wird, war lange Zeit Aufgabe eines schrankwandgroßen Uhrwerks aus Zahnrädern, Gewichten, Wellen und Seilzügen, das erst 1986 ausgedient hatte, aber noch im Turm zu bestaunen ist.
Acht Ecken als Symbol für die Unendlichkeit
Bis ganz oben in die Zwiebelspitze folgt die Gruppe dem Turmexperten. Hier bestehen die Wände des achteckigen Turms nur aus Holz, die Stufen werden schmaler und der aufrechte Gang auch mal unmöglich. Immer wieder taucht die Frage auf, wie man Material hier hochbekommt, welche Anstrengung das früher und noch heute bedeuten muss und auch, wie die Glocken an ihren Platz gekommen sind. Was man kleinteilig transportieren kann, geht ja noch … Aber so eine Glocke (insgesamt ja zehn!) ist wortwörtlich aus einem Guss. Das geht nur über einen Kran von außen und dafür müssen auch die Turmfenster ausgestemmt und anschließend wieder zugemauert werden. Das leuchtet ein und lässt sich am Mauerwerk noch gut erkennen.
Höher geht’s in Straubing nicht
Ganz oben, auf der letzten Plattform angekommen, lassen sich in gut 89 Metern Höhe acht Luken öffnen, frische Luft und ein beeindruckender Rundumblick tun sich auf. Neben Stadtturm, Einkaufsmeile und Eisstadion zeigen sich die zahlreichen historischen Gebäude der Innenstadt, die Donau und in Richtung Horizont auch Bogenberg, Bayerischer Wald und der Gäuboden.
Dann wird es Zeit für den Abstieg. Alle Luken werden wieder verschlossen und die erste Etappe des Abstiegs angetreten.
„Mein Schuh passt nicht mal zur Hälfte auf die Stufen“, stellt der großgewachsene Ingenieur beeindruckt fest und auch, dass manche Tür eher ein Schlupfloch ist und man den Kopf besser eine Weile unten lässt.
Dachstuhl mit gewaltiger Spannweite
Ein Abstecher in den Dachstuhl des Kirchenschiffs steht noch an, dessen Spannweite und Dimension für Staunen sorgt. Ein Architekt soll ausgerechnet haben, dass hier 21 Einfamilienhäuser platziert werden könnten.
Reichlich Stellfläche für nicht benötigte Kirchenbänke, die hier eingelagert wurden. Und auch Platz für eine Seilzuganlage, die zeitweise den Adventskranz im Kirchenschiff trägt oder auch mal die Weltkugel GAIA zum Schweben bringt. Dann ist noch ein Teil der Orgel hier oben platziert, der über das Heiliggeistloch sphärische Klänge an die Kirchenbesucher überträgt. Allein die Orgel mit ihren 6600 Pfeifen, wäre noch eine eigene Führung wert, aber dafür ist leider keine Zeit. So muss es genügen, den Klängen des Organisten zuzuhören, der sich auf die nächste Messe vorbereitet.
Weiter geht es ein paar Stufen tiefer. Das Tonnengewölbe wird begutachtet und natürlich die Masse an Holz, die hier in wahrer Meisterleistung als gewaltige Holzkonstruktion der spätmittelalterlichen Zimmermannskunst zu bestaunen ist.
Die präzise gefertigten Holzbinder, die ursprünglich im Bayerischen Wald gewachsen sind, tragen bis heute die mächtigen Dachflächen der Basilika und zeugen vom hohen handwerklichen Können der damaligen Baumeister. Dieser Dachstuhl war auch ursprünglich der Anlass, warum sich die Gruppe zusammengefunden hat.
Hier zeigt sich auf beeindruckende Weise: Wer mit Holz baut, baut nachhaltig und für viele Generationen.







Zurück im Hier und Jetzt
Enorm beeindruckt und dankbar für diese besondere Führung, geht es die letzten Stufen nach unten und die Turmtür wird wieder verschlossen.
Es folgt ein andächtiger Rundgang durch das prachtvolle Kirchenschiff mit seinen zahlreichen Altären und beeindruckenden Fenstern.
Die südliche Kirchentüre ist schließlich wieder der Zugang zur Gegenwart. Und irgendwie fühlt es sich für einen Moment unwirklich an, dass jemand auf einem E-Scooter vorbeiflitz.
Wer eine vergleichbar spannende Freizeit-Team-Aktivität aus der Welt der Nachwachsenden Rohstoffe beisteuern möchte, darf sich gerne mit Vorschlägen und Tipps an uns wenden (contact@carmen-ev.de). Wir tüfteln schon an unserer nächsten Exkursion und werden berichten.
Weitere Informationen:
Infos und Details zur Straubinger Basilika sowie über Messen, Konzerte, Veranstaltungen und Führungen können über das Amt für Tourismus oder Wikipedia aufgerufen werden.
Tipp von C.A.R.M.E.N.: Interessierte können über die Stadtpfarrei individuelle Führungen anfragen.
