Wie können Naturfasern zu resilienteren Lieferketten, regionaler Wertschöpfung und einer nachhaltigeren Wirtschaft beitragen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Werkstattveranstaltung in Sachsen, bei der, Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Forschung, Landwirtschaft und Verbänden aktuelle Entwicklungen und Perspektiven diskutierten.
Dabei wurde deutlich: Naturfasern stehen nicht für eine Rückkehr zu traditionellen Materialien, sondern markieren den Ausgangspunkt für neue regionale Industriestrukturen. Gerade Nutzhanf bietet hierfür interessante Ansatzpunkte. Die Kultur verbindet vielfältige stoffliche Nutzungsmöglichkeiten mit wachsendem Nachhaltigkeitsbewusstsein bei Unternehmen und Verbrauchern. Anwendungen reichen von Textilien über Dämmstoffe bis hin zu Verbund- und Leichtbauwerkstoffen.
Neben der Nachhaltigkeit rücken dabei auch Lieferkettensicherheit, Product Carbon Footprint (PCF), Circular Economy und regionale Wertschöpfung stärker in den Fokus. Regionale Faserpflanzen können dazu beitragen, Abhängigkeiten von internationalen Rohstoffmärkten zu reduzieren und Wertschöpfung näher an den Ort der Rohstoffproduktion zu bringen. Voraussetzung sind jedoch funktionierende Strukturen von Anbau und Ernte über Aufbereitung und Verarbeitung bis hin zu verlässlichen Absatzmärkten.
Deutschland steht beim großflächigen Anbau von Flachs und Hanf vor besonderen Herausforderungen. Die vorhandenen Waldressourcen können den Anbau von Faserpflanzen im Vergleich zu Ländern mit stärker ausgeprägten Faserpflanzenstrukturen weniger attraktiv erscheinen lassen. Gleichzeitig fehlt es bislang an einer durchgängigen Förderung und Entwicklung der gesamten Wertschöpfungskette, wie sie beispielsweise aus der Forst- und Holzwirtschaft bekannt ist.
Eine kurzfristige Aufholjagd bei den Anbauflächen gegenüber etablierten Faserpflanzenländern wie Frankreich erscheint daher wenig realistisch. Potenziale liegen vielmehr in Technologie, Innovation, Spezialanwendungen sowie individuellen und hochwertigen Produkten. Entscheidend ist dabei, nicht allein den Preis des Rohstoffs zu betrachten. Bei Naturfaserprodukten sollte vielmehr das Gesamtsystem bewertet werden: So können bei einer Naturfaserdämmung beispielsweise bestimmte zusätzliche Materialien oder Arbeitsschritte entfallen, wodurch sich höhere Rohstoffkosten teilweise ausgleichen lassen.
Für den Aufbau leistungsfähiger Wertschöpfungsketten wurden verschiedene Ansätze diskutiert. Kooperative bzw. genossenschaftliche Modelle könnten Investitionen, Rohstoffbereitstellung und Vermarktung bündeln. Auch eine gemeinsame Datenbank zur Erfassung und Kategorisierung von Faserqualitäten, beispielsweise nach dem Röstgrad, könnte dazu beitragen, verfügbare Rohstoffe gezielter mit unterschiedlichen Nachfragen zusammenzubringen.
Die Diskussion zeigte damit: Für Naturfasern und insbesondere Nutzhanf liegt die Perspektive nicht allein in größeren Anbauflächen. Entscheidend ist, regionale Wertschöpfungsketten intelligent zu verknüpfen, technologische Stärken auszubauen und aus dem Rohstoff innovative Produkte und Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Weitere Informationen:
- C.A.R.M.E.N.-Themenseiten Industriepflanzen: https://www.carmen-ev.de/industriepflanzen/, unter diesem Link stehen auch Ansprechpartner*innen, Veranstaltungstermine und vertiefende Publikationen bereit.
- C.A.R.M.E.N.-FAQ-Nutzhanf: https://www.carmen-ev.de/service/faqten/faq/faq-alternative-kulturen/
- Weitere C.A.R.M.E.N.-Infos und Aktionen rund um das Thema “Hanf” finden Sie hier: https://www.carmen-ev.de/tag/hanf/
